James – Rückkehr
Ehrlich betrachtet hätte er stutzig werden müssen, als er rund um den Balkon keinerlei Schutzmagie entdeckt hatte. Und noch verdächtiger war es, dass er die rundliche, steinerne Plattform tatsächlich ohne Gegenwehr erreichte. Flugfähigkeiten waren nicht ungewöhnlich in Warrunca. Ungewöhnlich war es in diesem Königreich allerdings, dazu Flügel zu benutzen.
Es war nicht ganz einfach, mit seinen breiten Schwingen auf dem Balkonrand zu landen, ohne sich selbst durch den Rückstoß wieder nach unten zu fegen. Aber allmählich hatte er Übung darin, seine Flügel schon im Anflug mit einem schrägen Aufschwung nach vorn zu falten, der die gegensätzlichen Kräfte ausglich. In den ersten Wochen mit seiner geflügelten Gestalt hatte er begriffen, wozu Vögel einen Schwanz besaßen. Bei der Koordination wären ein paar Federn am unteren Körperende mehr als hilfreich gewesen. Aber seine zweite Metamorphosegestalt verfügte über nichts dergleichen. Es ging auch so.
Er warf einen Blick zurück über die Stadt. Unmöglich, dass man ihn übersehen haben sollte, auch wenn er sich zügig bewegt hatte. Von Wachen oder einem Alarm war dennoch weiterhin nichts zu hören. Ein mulmiges Gefühl überkam ihn. Fürst Nyscott hatte seine Gewohnheiten. Und er war selbst mächtig und schlagkräftig genug, um auf eine Leibgarde nicht angewiesen zu sein. Dennoch war da die Befürchtung, dass das hier eine Falle sein könnte. Allerdings – es war nicht so, dass man ihn eingeladen hätte.
James änderte seine Gestalt, nahm seine ursprüngliche Form an. Die Form, in der er einem Menschen ähnelte, oder eher, einem menschengeborenen Vampir, mit seinen Fangzähnen und der etwas blassen Haut. Und die auch der Erscheinung der Elfen am nächsten kam, auch wenn seine Ohren in dieser Gestalt nicht spitz waren. Letzteres, so hatte er inzwischen erfahren, war allerdings auch bei einigen Elfen der Fall.
Er zog die Bänder an seiner Hose nach, dann an seinem Hemd. An die Falten, die der Stoff dabei warf, hatte er sich gewöhnt. Dennoch war das Material angenehm. Und ihm war bewusst: Wenn er durch diese Tür treten würde, könnte man es ihm nehmen. Alles. Die Fähigkeit, seine Gestalt zu ändern. Die bequeme Kleidung, die sich an seine verschiedenen Gestalten anpassen ließ. Sein Recht, zu gehen. Einfach alles. Aber da war dieses Gefühl, diese tiefe Gewissheit: Er musste das hier tun. Die Flucht damals war nicht das Ende dessen gewesen, was hier begonnen hatte. Es hatte keinen Abschluss gegeben. Und inzwischen hatte er akzeptiert: Solange er das hier nicht tun würde, wäre es niemals vorbei. Nicht wirklich.
Langsam trat er auf die Balkontür zu. Den schweren Metallrahmen, das dunkel getönte, elegant verzierte Glas darin. Nein, tatsächlich konnte man nicht einfach hineinsehen, aus der Entfernung. Er hatte sich das oft gefragt, wenn man ihn dort drinnen gefesselt hatte, an die Deckenketten. Ob irgendwer dort draußen beobachtete, was mit ihm geschah. Tatsächlich, darüber hatte er nun Gewissheit, war dem nicht so. Nicht so einfach. Aber streng genommen spielte es keine Rolle. Denn eigentlich war es nur der Blick genau eines Elfen, der zählte.
Nyscott.
Ein Name, den man fürchtete. Der Abscheu hervorrief, Trauer und Hass. Aber auch Bewunderung und Ehrfurcht. So jemanden störte man nicht einfach bei der Nachmittagslektüre. So jemand musste es nicht dulden, dass man auf seinem privaten Balkon landete, um ihn zu besuchen.
James öffnete die Tür.
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